Wie klein ist zu klein? - 05. Mai 2006Ungefähr 8.000 Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht zwischen 500 und 1.500 Gramm kommen in Deutschland jährlich zur Welt. Auch sehr kleine Frühgeborene haben heute dank moderner Gerätemedizin und Medikamenten gute Überlebenschancen. Doch wann dient der Einsatz medizinischen Wissens und Könnens dem Wohl des Lebens? Und vor allem wann wird Leiden dadurch nur unnötig verlängert? Der Frage ging Dr. Michael Heinrich in seinem Vortrag „Jedes Gramm ein Sieg!” auf den Grund. Heinrich ist Chefarzt am Krankenhaus für Kinder und Jugendliche: mit ca. 2.200 Geburten pro Jahr ist das Josefinum die größte Entbindungsklinik in Schwaben. Dieser Vortrag fand im Rahmen der „Woche für das Leben” statt, einer gemeinsamen Initiative der katholischen und evangelischen Kirche.
Dr. Michael Heinrich, Chefarzt am Josefinum in Augsburg, sprach im Haus Sankt Ulrich über seine Arbeit mit Frühgeborenen. © KJF/Riske Laut Dr. Heinrich steht es fest, dass Kinder, die vor der 23. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, keine Überlebenschance haben. Auch der Einsatz von Intensivmedizin kann heutzutage dieses Leben nicht retten. Er erklärt: „Je unreifer das Kind ist, desto höher ist die Sterblichkeit”. Erste realistische Chancen zum Überleben bestehen erst bei Geburten ab der 23. Schwangerschaftswoche, aber ebenfalls hier müssen sich die Ärzte und Eltern die Frage stellen, ob angesichts dieses hohen Risikos und der unter Umständen bereits bestehenden Schädigungen des Kindes eine Intensivbehandlung durchgeführt werden soll oder aber eine schmerz- und leidenslindernde Therapie angestrebt wird. „So oft kommt's gottlob nicht vor", so Dr. Heinrich, dennoch: Die Frühgeborenen unterliegen einer hohen Sterblichkeit. Bis zu 80 Prozent aller unter 750 Gramm wiegenden Kinder haben erhebliche Lungenprobleme. Sie können Hirnschädigungen, Augen- und Ohrenleiden haben oder aber sogar später Lern- und Verhaltensstörungen aufweisen. Die Prognose von Folgeschäden aufgrund der Frühgeburt kann am Anfang bloß lückenhaft gestellt werden. Eine exakte Voraussage, welche dieser Probleme denn auftreten werden, ist unmöglich. Das heißt fürs Behandlungsteam aus Ärzten und Kinderkrankenschwestern, dass sie zusammen mit den Eltern und Seelsorgern nach der Geburt des Kindes eine rasche Entscheidung treffen müssen, wie und ob das Kind evtl. behandelt werden kann. Dabei ist bemerkenswert, dass trotz der medizinischen Intensivversorgung und einer angespannten Situation der Ungewissheit die menschliche Beziehung zwischen dem Krankenhauspersonal und Eltern großgeschrieben wird, wie eine anwesende Kinderkrankenschwester berichtete. Wünsche der Eltern würden im Josefinum so weit wie möglich berücksichtigt und umgesetzt, berichtete Dr. Heinrich. In der Praxis bedeutet das viele Gespräche mit allen Betroffenen, insbesondere mit den Eltern. |